Demokratie erleben, Verantwortung übernehmen

Wie Antisemitismus begegnet werden kann, welche Bedeutung Demokratie für den eigenen Alltag hat und wie Jugendliche ihre Stadt mitgestalten können, stand im Mittelpunkt zweier parallel stattfindender Projektwochen am Städtischen Gymnasium Straelen. Die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler setzten sich dabei intensiv mit Antisemitismus auseinander. Unter der Leitung der Geschichtslehrerin Frau Cürlis und in Kooperation mit dem Stadtarchiv Straelen näherten sie sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Workshops zu jüdischem Leben in Straelen, Jugend und Erziehung im Nationalsozialismus sowie jüdischem Widerstand und Verfolgung gehörten ebenso zum Programm wie eine Exkursion nach Vogelsang.

Für Cürlis ist die Auseinandersetzung mit dem Thema ein wichtiger Teil schulischer Bildung. „Ich halte es für unabdingbar, Antisemitismus und jeder anderen Form von Diskriminierung immer wieder entgegenzutreten – nicht nur privat, sondern insbesondere als Lehrkraft, Vorbild und Vertreterin demokratischer Grundwerte“, betont die Geschichtslehrerin. Wie unterschiedlich die Zugänge zu diesem Thema sein können, zeigte sich auch im weiteren Verlauf der Woche. Einen besonderen Eindruck hinterließ die Begegnung mit jungen Jüdinnen und Juden im Rahmen des Projekts „Meet a Jew“. Elli aus der Jahrgangsstufe 9 fand vor allem interessant, dass die Gäste auch von Erlebnissen aus ihrer eigenen Schulzeit berichteten. Jüdisches Leben wurde so nicht nur als historisches Thema betrachtet, sondern als Teil der Gegenwart. Einen weiteren Zugang zur Geschichte bot ein Workshop mit VR-Brillen. Die Schülerinnen und Schüler erkundeten virtuell das Anne Frank Haus in Amsterdam. Der 15-jährige Liam bezeichnete die virtuelle Erkundung als neue Erfahrung. Auch Johanna fand diesen Zugang zur Geschichte „viel lebendiger“.

Parallel dazu setzte sich die Jahrgangsstufe 10 mit der Demokratie auseinander. Politiklehrerin Frau Geenen hatte die Projektwoche vorbereitet und durchgeführt. Zunächst beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler mit den historischen Wurzeln demokratischer Systeme, anschließend rückten aktuelle politische Fragen und die eigenen Möglichkeiten der Beteiligung in den Fokus. „Ich habe gelernt, wie viel hinter dem Wort Demokratie steckt, dass es die eigene Meinungsäußerung erfordert und was man mit seiner eigenen Meinung bewirken kann“, fasste die Zehnklässlerin Ilka ihre Erfahrungen zusammen.

Den Abschluss der Woche bildete eine Podiumsdiskussion mit Vertreterinnen und Vertretern der Straelener Kommunalpolitik. Bürgermeister Bernd Kuse sowie Louis Lemmen (CDU), Oliver Deest (SPD), Kira Andes (Bündnis 90/Die Grünen), Christian Gier (Bürger für Straelen) und Philipp Laumann (Die Linke) stellten sich den Fragen der Jugendlichen. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Themen und Fragen selbst entwickelt und übernahmen auch die Moderation. Diskutiert wurde über die Zukunft der Straelener Schulen, politische Bildung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Klimaschutz sowie Verkehr und Mobilität. Dabei kamen ganz konkrete Fragen aus dem Alltag der Jugendlichen zur Sprache: Was kann gegen überhitzte Klassenräume getan werden? Wie lässt sich der Busverkehr im ländlichen Raum verbessern? Und wie können junge Menschen stärker in kommunalpolitische Entscheidungen einbezogen werden? Auch aus dem Publikum kamen kritische Nachfragen. Eine Schülerin wollte etwa wissen, welche Möglichkeiten Jugendliche tatsächlich haben, sich in den politischen Ausschüssen der Stadt Gehör zu verschaffen. Die Politikerinnen und Politiker verwiesen auf öffentliche Sitzungen und die Möglichkeit, dort Fragen einzubringen. So rückten auch konkrete Wege politischer Beteiligung vor Ort in den Blick. Genau hier sieht Frau Geenen eine wichtige Aufgabe politischer Bildung. Bereits im vergangenen Jahr sei die Projektwoche sehr erfolgreich gewesen. Insbesondere die Diskussion habe gezeigt, dass der Austausch zwischen Jugendlichen und Politik etwas anstoßen könne. „Die Äußerungen der Politikerinnen und Politiker, dass sie sich mehr Beteiligung Jugendlicher wünschen, zeigen, dass politische Bildung wichtig ist und aktiv gefördert werden muss – zum Beispiel durch eine Projektwoche.“ Dass dieser Ansatz bei den Jugendlichen ankam, zeigten auch ihre Rückmeldungen. „Man konnte aktiv mitmachen und die Podiumsdiskussion quasi frei und selbst mitgestalten“, berichtete die fünfzehnjährige Laura. Johannes hingegen lobte besonders den Austausch mit den Politikern über schülernahe Themen. Beide Projektwochen machten deutlich, wie lebendig politische und historische Bildung sein kann, wenn Jugendliche selbst Fragen stellen, diskutieren und neue Erfahrungen sammeln.
Franziska Bohn
