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„Respekt vor den Unterschieden – Toleranz in Zeiten von Migration und Integration“

„Respekt vor den Unterschieden – Toleranz in Zeiten von Migration und Integration“, so lautete die Leitfrage des Vortags von Dr. Wolfgang Thierse am Mittwoch, den 28.September 2016 in der Aula des Lisa-Meitner-Gymnasiums in Geldern. Nicht nur wir, die SOWI-Kurse der EF vom Straelener Gymnasium hörten zu, sondern auch SchĂŒler und SchĂŒlerinnen des Lisa-Meitner-Gymnasiums und des Berufskollegs in Geldern. Im Anschluss an den Vortrag hatte ich die Gelegenheit zu einem persönlichen GesprĂ€ch.

Der ehemalige BundestagsprĂ€sident eröffnete seinen Vortag mit der Feststellung „Wir leben in einem widersprĂŒchlichen Land, in dem es Menschen mit höchst unterschiedlichen Überzeugungen gibt.“ Zugleich stellte er die Frage „Doch wie können wir in offenen, freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft miteinander leben?“. Laut Thierse sollte man die wachsende und konfliktreiche PluralitĂ€t von Überzeugungen, Lebensauffassungen und WahrheitsansprĂŒchen tolerieren. Doch damit spricht er nicht von der gnĂ€digen Duldung, sondern vom „Streit im Respekt vor anderen Überzeugungen“. Jedoch braucht man, um tolerieren zu können, eine eigene Anschauung, welche man aktiv vertritt, um sich zu verstĂ€ndigen zu können. Desweiteren erlĂ€utert Thierse, dass wir nach grundlegenden Gemeinsamkeiten, z.B. die gemeinsame Vorstellung der Freiheit, SolidaritĂ€t und Gerechtigkeit suchen mĂŒssen.  Toleranz ist seiner Überzeugung nach unserem aktuellen Umfeld ein langfristiger Prozess und dieser bedarf andauernde BemĂŒhungen aller Seiten, da viele Menschen der Vielfalt von Überzeugungen und Lebensauffassungen, aber vor allem der Religion aktuell noch mit Angst und Hass gegenĂŒber stehen. Die Überwindung der Angst kann man nur durch gemeinsames Handeln, AufklĂ€rung und GesprĂ€che mindern, doch Hass mĂŒsste man widersprechen und entgegenstehen.  Denn das Problem, so Thierse, besteht darin, dass geschlossene Gesellschaften keine Zukunft haben. Nur offene und sich stets verĂ€ndernde Gesellschaften, die selbst VerĂ€nderungen zulassen, haben eine Zukunft.

In einem nachfolgenden Interview erzĂ€hlte Dr. Wolfgang Thierse, dass Toleranz in allen Altersgruppen eine Rolle spielt und deswegen die ToleranzfĂ€higkeit nicht nach Altersgruppen trennbar ist, da es sowohl möglich ist, dass die Unerfahrenheit von jungen Menschen fĂŒr weniger Voreinnahme sorgt und so mehr Toleranz ermöglicht. Andererseits können vor allem die Kriegs- und Fluchterfahrungen, die Ă€ltere Menschen in ihrem Leben machen mussten, fĂŒr mehr Toleranz sorgen.  Auch der ehemalige BundestagsprĂ€sident, der Breslau aufgewachsen ist, hat persönliche Erfahrungen mit Integration und Migration gemacht. Er spricht dabei von Minderheitserfahrungen, z.B. das Sprechen von FrĂ€nkisch anstatt von Hochdeutsch,  die durch Auslachen und in Frage Stellung provoziert wurden. Somit ist man Vorurteilen begegnet und hat aber gelernt sich nicht von diesen einnehmen zu lassen.  Durch seine Lebenserfahrung hat Thierse versucht nachzuvollziehen, was andere denken und empfinden. Daraus schließt er, dass „eine der elementaren, intellektuellen Voraussetzung fĂŒr ToleranzfĂ€higkeit ist, dass im eigenen Kopf mehr als ein Argument Platz hat“.  Dennoch gibt es fĂŒr ihn Grenzen der Toleranz: Thierse stimmt dem Zitat des Philosophen Karl Raimund Popper zu, dass man sich im Namen der Toleranz die Freiheit nehmen darf, die Intoleranz nicht zu tolerieren. Dabei spricht er vor allem die Gewalt an, die wir nicht tolerieren sollten. Stattdessen sollen wir die Vielfalt anerkennen und lernen andere Meinungen akzeptieren zu können und diese Vielfalt als eine persönliche, aber auch gesellschaftliche Bereicherung zu verstehen.

9. Oktober 2016, Carina Krajczewski